Leonberger Schüler siegen beim Poetry Slam Fünffache Begegnung in der Achterbahn

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Ostertag-Realschüler Lucas Mildner erzählt von einem „Gespräch unter Eloquenten“. Foto: factum/Bach

Leonberg - Das Theater im Spitalhof bebte unter dem Applaus und Fußgetrampel der rund 120 Gäste, als Moderator und Slam-Poet Bas Böttcher verkündete, dass die Schüler der Ostertag-Realschule aus Leonberg die Sieger des Projekts #sprichklartext sind. Freudestrahlend betrat eine kleine Delegation der Schule die Bühne und nahm als Siegerpreis einen Gutschein für einen Auftritt eines Poetry-Slammers in der Schule entgegen. „Es wäre schön, wenn wir uns aussuchen könnten, wer kommt“, meinte Schülersprecherin Shota Krasniq.

Ihr und ihren beiden Mitschülern Lucas Mildner und Yan Pintar war es vorbehalten, die Abschlussveranstaltung des diesjährigen Projektes der Kulturregion Stuttgart zu eröffnen, das mit Thomas Bopp, dem Vorsitzenden des Verbands Region Stuttgart, Oberbürgermeister Bernhard Schuler sowie mehreren Landtagsabgeordneten und Gemeinderäten prominente Gäste hatte.

Von der Macht der Sprache

Shota Krasniq trug einen Text über den fürchterlichen Gesang ihrer Oma vor, Lucas Mildner ein „Gespräch unter Eloquenten“ über die Bezeichnungen „Spaghetti-Eis“ und „Heiße Liebe“ für Eisspezialitäten, und Yan Pintar den Text „Blindheit“, in dem er die Innen- und Außensicht eines 15-Jährigen gegenüberstellte, der einen schweren Unfall erlitten hatte.

Wie sich die Texte von Slam-Poetry-Profis anhören, zeigte Bas Böttcher im Verlauf des Abends immer wieder: blitzschnell und mit vielen Alliterationen erzählte er beispielsweise von einer fünffachen Begegnung auf der Achterbahn. Oder er sagte Sätze wie: „Und lerne ich eine Sprache neu kennen, dann lehrt mich die Sprache, mich neu zu kennen. Das macht die Sprache – die Macht der Sprache.“ Zum Lachen brachte er die Zuschauer, als er erzählte, er habe in Berlin ein Mädchen in der U-Bahn „ich bin Alex“ in ihr Smartphone sagen hören. „Das könnte auch als Persönlichkeitsveränderung gedeutet werden“, meinte er schmunzelnd. Und er zeigte auf, dass Worte bisweilen einen ganz neuen Sinn bekommen, wenn man nur einen Buchstaben verändert, wie bei verlieren und verlieben.

Krieg oder Mission ist eine Frage der Haltung

Da sich das Projekt #sprichklartext grundsätzlich dem Thema Sprachgebrauch im Alltag widmete, durfte bei der Abschlussveranstaltung eine wissenschaftliche Komponente nicht fehlen. Für diese sorgte der Sprachwissenschaftler Professor Heiko Girnth von der Universität Marburg. Er zeigte auf, dass sich Kommunikation nicht nur in der Sprache zeige, sondern auch im Tonfall oder im Schweigen. „Man kann nicht nicht kommunizieren“, zitierte er den bekannten Autor und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick.

Worte stünden in einer so genannten Bezeichnungskonkurrenz zueinander. „Menschen drücken unterschiedliche Haltungen aus, wenn sie von Krieg oder Mission sprechen, Abschiebung oder Rückführung“, nannte er Beispiele aus der Politik. Bestimmte Begriffe verrieten die Ziele des Sprechers: „Man assoziiert Flüchtlinge nicht ohne Grund mit Naturkatastrophen, wenn in diesem Zusammenhang Begriffe wie Flut, Welle und Strom genannt werden“, sagte Girnth. Eine Sprachverrohung führe auch zu einer Verrohung des Verhaltens von Menschen.

Am Projekt #sprichklartext hatten in den vergangenen Monaten landesweit rund 600 Schüler aus 17 Gemeinden teilgenommen. Auf dem zweiten Platz landete die Uhland-Realschule aus Göppingen, die einen Theaterbesuch mit der ganzen Klasse gewann. Der dritte Preis wurde zweimal vergeben: an die Schule an der Glemsaue aus Ditzingen und an die Max-Eyth-Realschule aus Backnang. Letztere hatte die simple Frage gestellt: Ist Freiheit auch die Freiheit, die Gefangenschaft zu wählen?

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