Leonberg Wenn die Retter gerettet werden müssen

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Rotkreuzler versorgen einen Verletzten – und sitzen kurzzeitig im Keller fest. Foto: factum/Bach

Leonberg - Es raucht im fünften Stock des mittlerweile leer stehenden Rathauses am Belforter Platz. Ein „Tatütata“ nach dem anderen schallt durch die Stadt, bald ist der Rathaus-Parkplatz voller Einsatzwagen von Deutschem Roten Kreuz und Technischem Hilfswerk. Einzig das Fehlen der Feuerwehr deutet an: Hier stimmt etwas nicht.

Der Rauch im fünften Stock ist kein Feuerqualm sondern Disco-Nebel. Der Einsatz am Samstagabend nur eine Großübung. Doch bis zu ihrem Eintreffen am Rathaus wissen die Rettungskräfte das nicht. Sie wurden wie zu einem regulären Einsatz gerufen. Aber einer, der es in sich hat. Sechs Stockwerke plus Heizungskeller, dutzende Büros, einsetzende Dunkelheit. Das Szenario: mehrere Menschen sind an verschiedenen Stellen im Gebäude verschüttet. Im obersten Stockwerk raucht es, die Decke muss abgestützt werden.

Hinter den Rettern fällt die Tür zu

In Gruppen machen sich die Helfer von DRK und THW auf. Sie durchsuchen Räume, erhalten per Funk Meldungen, wo sich Verletzte befinden könnten. So soll ein Heizungsmonteur im Keller verletzt und eingeschlossen sein. Nach ein wenig Suchen ist die Tür in die unterste Etage gefunden. Schon schallen Rufe durch die dunklen Gänge: „Hilfe“ und „Aua, mein Bein“ ruft jemand. Nach einigem Suchen ist der „Verletzte“ gefunden – ein junger THW-Helfer mimt den zu Rettenden. Der wird aber ganz fachmännisch versorgt.

Dabei geht auch schon mal etwas schief: Während die THWler wieder nach draußen gehen, fällt die Tür zu. Das DRK und der Verletzte sitzen buchstäblich fest. Doch ein paar kräftige Schläge mit dem Hammer und schon ist der Weg wieder frei. Die Tür bleibt das einzige echte Opfer des Abends.

Übung ohne Feuerwehr

„Wenn das ein echter Einsatz wäre, dann wären wir gar nicht so sehr mit der Personenrettung betraut. Wir würden die Verletzten draußen von der Feuerwehr übernehmen“, sagt Andreas Müller, der den Einsatz auf Seiten des DRK leitet. Die Arbeit von zwölf Rotkreuzlern muss er an diesem Abend koordinieren, dazu steht er in ständigem Kontakt mit dem THW. „In der Realität würden wir wohl nicht in dieser Mannschaftsstärke anrücken und ohne Feuerwehr arbeiten“, sagt Stefan Neininger, der Zugführer beim THW ist.

Dennoch sei die Übung eine gute Gelegenheit, verschiedene Techniken, die über Jahre hinweg eingeübt worden seien, auch einmal anzuwenden. „Und es zeigt Dinge auf, an denen wir weiter arbeiten müssen“, sagt Neininger. Das Leonberger THW ist mit 23 Helfern und drei Wagen im Einsatz.

Großübung vor dem großen Abriss

Unter die Zuschauer auf dem Rathaus-Parkplatz haben sich dann doch zwei Feuerwehrleute gemischt. „Wir wurden auch zu dieser Übung eingeladen. Aber wir sind mit unserem normalen Einsatz- und Übungsprogramm mehr als genug ausgelastet“, sagt Torsten Bareither, der der Wehr in der Kernstadt vorsteht. Wie es überhaupt zu der Großübung gekommen ist? „Es wäre fahrlässig, sich so eine Chance entgehen zu lassen. Heute war der einzig mögliche Zeitpunkt bevor die Abbrucharbeiten am alten Rathaus am 6. Februar beginnen“, erklärt Peter Herrle, der persönliche Referent des Oberbürgermeisters. Als Mitorganisator des Motorradtreffens „Glemseck 101“ ist er bestens mit den Rettungsorganisationen vernetzt.

Gerettet werden an diesem Abend insgesamt vier Personen. Dafür müssen Wände durchbrochen, ein Metalltor aufgeflext und sehr viele Stufen erklommen werden, bevor die Decke im fünften Stock abgestützt werden soll. Anderthalb Stunden sind seit dem Alarm nun vergangen. „Wenn wir das jetzt alles aufbauen und bis ein Statiker das abgenommen hat, werden noch etwa drei bis vier Stunden vergehen“, meint THW-Chef Matthias Schultheiß.

Das Abendessen muss warten

Doch so lange soll es am Ende nicht mehr dauern. „Wir werden das Material anfordern, hochbringen und das Abstützen planen. Damit ist es dann auch gut“, sagt Zugführer Neininger. Eine knappe Stunde werde das in Anspruch nehmen.

Eigentlich wollte er an diesem Abend mit seiner Frau essen gehen. Jetzt kann er nur hoffen, nicht zu spät daheim zu sein. Doch die Angetraute hat Verständnis. „Wenn dein Partner oder deine Partnerin nicht voll hinter dir steht, kannst du diese ehrenamtliche Arbeit nicht machen.“

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