Weinlese in Leonberg Wenn die Öchsle in die Höhe schnellen

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Mit einem Refraktometer prüft Axel Röckle das Mostgewicht der weißen Trauben: 87 Öchsle, das ist richtig gut. Foto: factum/Bach

Leonberg - Schon seit Jahren hat der Journalist am 3. Oktober einen festen Termin. Der beginnt, obwohl am  Feiertag, schon morgens um neun. Wenn aber diesmal der Tag der Deutschen Einheit ansteht, kann er es etwas ruhiger angehen lassen. Den Einsatz zum 3. Oktober hat der Zeitungsmann bereits Ende September absolviert. Die Trauben sind drin, die Rebstöcke leer.

Für einen Weinfreund ist es ein besonderes Erlebnis, bei einer wichtigen Etappe auf dem langen Weg vom Rebschnitt bis zum Abfüllen aktiv dabei zu sein. Deshalb hatte er Axel Röckle freudig zugesagt, als der weinanbauende Stadtrat den Redakteur vor elf Jahren zum ersten Mal gefragt hatte, ob er nicht mit Herbsten will.

Seither ist er gerne dabei, wenn sich eine Gruppe gelaunter Helfer zumeist am Morgen des 3. Oktober auf dem Ehrenberg und später in der Feinau trifft, um die weißen und roten Trauben zu lesen, die die Familie Röckle dort seit Generationen anbaut.

Früher im November

Der Termin der Lese rückt immer mehr nach vorne. „Früher haben wir Anfang November geherbstet, die vergangenen Jahre Anfang Oktober“, erinnert sich der hauptberufliche Rechtsanwalt, der stolz ist, dass seine Familie die Weinbautradition in Leonberg, genauer in Eltingen, pflegt.

Das wärmere Wetter bringt bessere Trauben. In diesem Jahr sind sie erstmals in der letzten Septemberwoche reif. Würde der Wengerter länger warten, stiege das ­Risiko, dass die Beeren auf den letzten Drücker das Opfer von Schädlingen würden, ­etwa der berüchtigten Kirsch-Essig-Fliege.

Es ist noch etwas frisch, aber die Sonne scheint. Die Helfer sind pünktlich: Familienangehörige und Freunde stehen in den nächsten Stunden in nicht eben bequemer Haltung am Steilhang, um die Reben von den Stöcken zu schneiden. Sie sind zugleich Qualitätskontrolleure. Müssen doch die einzelnen Beeren überprüft werden. „Wenn sie geplatzt sind oder nach Essig riechen, sind sie nichts“, erklärt Röckle. „Einfach auf den Boden werfen. Die Tiere holen sie sich.“ Doch nicht nur Vögeln und Kleingetier schmecken die Resttrauben.

Probleme mit Wildschweinen

Im vergangenen Jahr hatten die Wengerter Probleme mit Wildscheinen, die nachts den Boden förmlich umgepflügt hatten. Jetzt ist alles eingezäunt.

Das Selektieren fällt diesmal wesentlich leichter. Durch die langen Sonnenmonate sind die Reben fast perfekt. Beeren landen nur vereinzelt auf dem Boden. Der Großteil kommt in den Eimer. Das bedeutet viel Stress für Peter. In seiner Butt, die er auf den Rücken geschnallt hat, landen alle ­gelesenen Trauben. Ohne erkennbare Anstrengung schleppt der Buttenmann, der das Jugendalter hinter sich hat, seine Last über unzählige kleine Stufen den Steilhang hinunter. Dort wartet bereits Marc Sattler, der die Ladungen aus der Butt in den ­grünen Maischewagen schüttet.

Der Traktoranhänger ist ein recht neues Modell, das Röckle in der Pfalz gekauft hat. Der Vorteil ist, dass die Reben direkt in die Abbeermaschine gepumpt werden können, wo sie von den Stängeln befreit werden.

90 Öchsle beim Weißen

Doch soweit ist es noch nicht. Längst sind nicht alle Stöcke abgeerntet. Kein Vergleich zu den verregneten Jahren, in denen ganze Reben weggeworfen werden mussten. Hinter den großen Blättern verbergen sich immer wieder Trauben, die kunstvoll mit einer scherenartigen Zange herausgelöst werden müssen. Axel Röckle prüft derweil mit dem Refraktometer das Mostgewicht: Fast 90 Öchsle beim Weißen, das ist richtig gut. „Normalerweise haben die hellen Trauben 75 Öchsle“, sagt er. Die merkwürdige Maßeinheit hat übrigens nichts mit kleinen Ochsen zu tun, sondern erinnert an ihren Erfinder Ferdinand Oechsle.

Die Rebstöcke sind leer, der Maische­wagen ist voll. Die hungrigen Helfer freuen sich auf ein Vesper mit Traumaussicht. Das Leonberger Dreieck wirkt von hier oben wie Spielzeug. Röckle hingegen ist schon wieder auf dem Traktor. Die Maische muss in den heimischen Keller, damit sie dort drei Stunden gären kann. Dabei löst sich der Farbstoff aus den Beeren.

Der Saft gärt weiter

Nach einem leckeren Wurstsalat und ­einigen Gläsern des gelungenen 2016ers hat das Leseteam Feierabend. Axel Röckle und sein Cousin Marc Sattler noch nicht. In der Kelter pressen sie die Trauben ab. Der Saft gärt dann weiter, auf dass in mehreren Wochen Wein aus ihm wird. Die Beeren und Kerne bilden den Trester. Daraus wird der gleichnamige Schnaps gebrannt.

Auch der Journalist ist daheim. Am Abend wird er die Flasche öffnen, die er als Lohn bekommen hat. Es ist der 2016er, der extra gute. Der 2018er wird noch besser.

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