Leonberg Mit der Lichtpauserei fängt alles an

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Seit 50 Jahren im Copyservice-Geschäft: Ina Nadolski Foto: Bartek Langer

Leonberg - Bis auf die zwei Stühle und den ­kleinen Rundtisch aus Leichtmetall direkt neben der Theke gibt es im Copyservice von Ina Nadolski in der Leonberger Straße 41 keine Sitzgelegenheit. „Wir sitzen auch nicht herum, sondern arbeiten!“, sagt die Geschäftsinhaberin mit einem Schmunzeln. Geschafft wird hier seit nunmehr 50 Jahren. Dafür wurde die Leonbergerin jüngst von der Industrie- und Handelskammer mit einer Ehrenurkunde ausgezeichnet – „für Leistungen zum Wohle der heimischen Wirtschaft“.

Wenn sie zurückblickt, muss sie sich fast schon an den Kopf fassen. Die gelernte Bauzeichnerin gründete 1968 mit einer Arbeitskollegin eine Lichtpauserei in der Alten Ramtelstraße – das war der erste ­Laden dieser Art in der Stadt. „Ich hatte in einem Statiker­büro gelernt, wo es auch eine Lichtpauserei gab, und wir dachten uns, das können wir doch auch machen.“ Mit ebenjenen Lichtpausen, also der Vervielfältigung von auf durchsichtigem Papier angefertigten Zeichnungen mit Hilfe einer UV-Lampe und Salmiakgeist-Dampf, verdiente sie anfangs ihr Geld. „Das kann sich heute kein Mensch mehr vorstellen“, sagt sie und erinnert sich lachend an den Kundenspruch „Ich brauche mal ’ne Pause!“, der fast schon zum geflügelten Wort in der Branche wurde.

Auch nach dem Umzug in die rund 90 Quadratmeter großen Räumlichkeiten in der Leonberger Straße im Jahr 1994 ging die pfiffige Geschäftsfrau stets mit der Zeit. Die Leonbergerin schaffte sich einen Großkopierer an, der auch das Vergrößern und Verkleinern der Dokumente möglich machte – für sage und schreibe 100 000 Mark. „An den immensen Anschaffungskosten sind auch viele in der Branche ­kaputt gegangen“, weiß sie aus der Zeit zu ­berichten. Dann kam ein Plotter für den Druck von Großformaten und Papierrollen ins Haus, später folgten moderne Laserdrucker und Scanner.

Heute läuft das meiste nur noch digital

Heute läuft bei ihr alles nur noch digital: Die Kunden schicken die Aufträge meistens per E-Mail im pdf-Format, die sie und ihre beiden Mitarbeiterinnen, Anne Morlok und Monika Holzknecht, bearbeiten. „Unser Hauptgeschäft besteht darin, alte Baupläne zu digitalisieren“, sagt die Chefin, zu deren Kundenstamm Architekten, Ingenieure oder auch die Stadtverwaltung ­zählen. „Viele kommen aber auch, um ihre Dokumente oder Zeugnisse einzuscannen.“ Die Angebotspalette umfasst zudem das Drucken von Großformaten, Laminierungen und Gestaltungen von Flyern und Prospekten. Wer eine Kopie braucht, der steckt in Selbstbedienung einen USB-Stick an, und für die Studienarbeit gibt es Heißleim- oder Spiralbindungen.

Trotz einer Ausstattung, die immer auf dem aktuellen Stand war, blieb sie von schweren Zeiten nicht verschont. „Als die Heimcomputer aufkamen, dann hatte plötzlich jeder einen Drucker zu Hause ­stehen“, sagt sie. Und in den vergangenen zehn Jahren seien Plotter so billig geworden, dass sich jedes Architekturbüro einen leisten könne. „Aber“, sagt Nadolski, „nicht alle haben Schneidegeräte und Faltmaschinen.“ Schließlich müssten die Drucke auch immer weiterverarbeitet werden, und das erfordere Maßarbeit.

Bisweilen auch kuriose Kundenwünsche erfüllt

Freilich gab es in den vergangenen 50 Jahren kuriose Kundenwünsche: Etwa Kalender mit viel nackter Haut, die nüchtern betrachtet nicht gerade vor Erotik strotzten. „Neulich wollte eine Kundin auch die gesamte Briefkorrespondenz ihrer Eltern aus dem Zweiten Weltkrieg ausgedruckt haben“, berichtet Nadolski, bevor ihr Blick zum Kopierer wandert, an dem ein Kunde schier verzweifelt. Die Chefin witzelt: „Ja ja, ich habe nix gemacht, das sagen doch ­alle!” Angesprochen auf sein Memphis-Shirt, stattet der Mann sogleich einen ­Bericht über seinen jüngsten Urlaub ab. „Beim Elvis waren wir auch“, sagt er und meint: „Ohne ihn wäre Memphis tot wie Höfingen, und der Rest von Mississippi sieht aus wie nach der Wende!“

So ist das hier: Wer im Copyservice ­aufschlägt, der bringt nebst Auftrag nicht selten auch seine Lebensgeschichte mit, und für einen netten Plausch hat Nadolski immer Zeit. „Das wissen unsere Kunden auch zu schätzen“, weiß sie. Und ihr Mann Heiner ergänzt: „Bei dem Job geht es nicht um das schnelle Geld. Man muss ihn mit viel Herzblut machen, und dafür bekommt man soziale Bestätigung.“

Es vergehe kaum ein Tag ohne nette Begegnungen, sagt Inhaberin Nadolski, die deshalb nach wie vor den Laden morgens mit einem Lächeln im Gesicht aufschließt. Dennoch könnte sie es sich gut vorstellen, den Copyservice einem „netten Nachfolger“ zu übergeben. „Ich werde 72, da will ich noch etwas Zeit für mich haben“, sagt die Leonbergerin, die es dann mit ihrem Gatten und der Hündin Lisa wohl öfter an die Nordsee verschlagen würde.

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