Leonberg Im rein weiblichen Reich der Ästhetik

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Eine Kunst für sich: Das Binden von Sträußen in Spiraltechnik. Bei Eleonore Schick (Mitte) kann man es lernen.Foto: Bross Foto:  

Leonberg - D

ie Spiraltechnik ist an diesem Tag das A und O. Das verursacht Krämpfe in den Fingern und der ganzen Hand. Wer hätte gedacht, dass Sträuße binden so anstrengend sein kann?! Allerdings überwiegt der Spaß bei Weitem die Mühe. Und die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Die Floristik-Meisterin Eleonore Schick ist mit Blumen aufgewachsen, kann sich ein Leben ohne Pflanzen nicht vorstellen. Muss es auch nicht. Die Neu-Leonbergerin hatte viele Jahre lang in Fellbach ihr eigenes Floristik-Fachgeschäft, hat diverse Fachbücher veröffentlicht, floristische Vorführungen bei Gartenmessen, Privat- und Firmenveranstaltungen organisiert und in den vergangenen zwei Jahren auch noch eine Ausbildung zur Naturparkführerin im Schwäbisch-Fränkischen Wald gemacht. Um nur einige ihrer Tätigkeiten zu nennen. Vielleicht kennen Sie Eleonore Schick ja schon aus dem Fernsehen. Denn dort war sie schon in diversen Sendungen, etwa in „Kaffee oder Tee“ zu sehen. Hat dort mal einen Strauß aus 50 Tulpen gebunden, mal ein Gesteck mit Strelitzien gefertigt oder einen schicken Kranz aus kugeligen Dahlien.

Seit Kurzem lebt die 55-Jährige im Leonberger Brombeerweg, wo sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten einen tollen Garten anlegt. Hier bietet sie auch ihre bewährten Blumenseminare an – Erfahrung damit hat sie seit immerhin 25 Jahren. Einen professionellen Strauß selbst binden, wer würde das nicht wollen? Die Antwort: Männer. Die sind in Eleonore Schicks Seminaren regelmäßig Mangelware. Das Gebiet der Ästhetik ist irgendwie das weibliche Hoheitsgebiet. Das wäre wahrscheinlich anders, würde Elton John hier leben. Der Blumenfreund, so war vor einigen Jahren zu lesen, gibt im Verlauf von 18 Monaten schon mal ein knappes Milliönchen für blumige Deko aus. Ganz schön abgespaced, würden meine Kinder kommentieren.

Den fünf Frauen, die sich vor zehn Tagen zum Kurs „Sommersträuße binden“ getroffen haben, ist der Mangel an Mann reichlich egal. Hauptsache die Blumenfülle stimmt. Das tut sie. Eleonore Schick war am Morgen schon auf dem Großmarkt und hat massenhaft Rosen, Dahlien, Jungfer im Grünen, Schleierkraut, Goldrute, Johanniskraut und viel Grünzeug wie Bergenienblätter, diverse Gräser oder auch lecker duftende Minzestängel nach Leonberg geschleppt. Jede von uns darf sich aus einem Eimer einen riesigen Bund schnappen. Dazu noch ein gutes Dutzend zartrosa Rosen.

Abdornen heißt die erste Aufgabe. Eigentlich müsste sie „abstacheln“ heißen – denn wie wir alle wissen, haben Rosen keine Dornen, sondern Stacheln. Gar nicht so einfach, mit dem scharfen Messer die Stacheln abzuschaben und unten am Stiel die Rosen schräg anzuschneiden. Aber Übung macht auch hier die Meisterin und bei der zehnten Rose geht alles schon viel flotter von der Hand. Jetzt noch bei allen Blumen die unteren Blätter entfernen, weil die im Wasser stehend nur faulen und die feinen Saugleitungen der Blumen verstopfen würden.

Nachdem die Pflichten erledigt sind, geht es an die Kür. Und zwar gleich mit eingebauten Schwierigkeiten. Man kann einen Strauß zwar auch parallel binden. Das machen Floristen vor allem bei strengen, grafischen Sträußen. Spiralig gebunden werden aber alle üppigen Sträuße. Gut vorstellen kann man sich den Unterschied, wenn man an ein Mikadospiel denkt. Bei dem werden die Stäbchen zunächst in einem dicken Bund gerade gehalten – der Parallelstrauß. Öffnet man die Hand leicht, so verdrehen sich die Stäbchen, fallen leicht auseinander und ähneln so der Optik des spiralgebundenen Straußes.

„Wenn Sie nach drei Minuten einen Krampf kriegen, ist das normal“, erklärt uns Eleonore Schick – und brav reagieren unsere Muskeln wie vorhergesagt. Was die Mikadostäbchen so leicht hinkriegen, fällt uns mit den vielen Blumen ganz schön schwer. Blumenköpfe nach links, die dazugehörigen Stiele nach rechts. Alle weiteren Blumenstiele immer schön überkreuzen und voneinander abspreizen. Außerdem darauf achten, dass die Mitte des Straußes besonders schön herausgearbeitet ist. Jede von uns hat nach drei Stunden drei astreine Sträuße gebunden. Verschwitzt, mit dreckigen Fingernägeln und irgendwie triumphal treten wir unsere Heimfahrt an. Was Floristen in ihrem Beruf leisten, das werden wir in Zukunft sicher mehr schätzen als bisher.

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