Leonberg: Erste Stadtführung mit Fackeln Als die Bürger sich noch heimleuchten ließen

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Im Fackelschein zeigt Leonberg eine ganz anderes Gesicht. Foto: factum/Bach

Leonberg - Es sind 37 Nachtschwärmer, die mit ihren Fackeln durchs nächtliche Leonberg ziehen. Fast an jeder Straßenecke ist die ungewöhnliche Gruppe selbst Motiv für Handyfotos. Die abendliche Stadtführung bei Fackelschein hat die Stadt Leonberg in diesem Jahr zum ersten Mal in ihrem Programm. Bezahlt wurde nicht wie sonst direkt beim Führer, sondern im Voraus über die Groupon-Website oder beim i-Punkt der Stadt.

Doch die allermeisten haben online gebucht und sind über die Rabatt-Plattform überhaupt erst auf diese besondere Führung aufmerksam geworden. Ein Paar ist sogar aus Pforzheim angereist, sie haben die Karten von der Tochter geschenkt bekommen und sind begeistert, weil es mal etwas anderes ist und der Führer so nette Geschichten erzählt.

Davon hat der Stadtführer Gerd Jenner einige parat. So erzählt er, dass es die heutige Lichterfülle vor 100 Jahren noch nicht gab. Damals war es nachts stockdunkel, bis auf ein paar Öl-Laternen ab 1818. Ganze fünf Stück gab es zu der Zeit in Leonberg. Heute ist es kaum mehr vorstellbar, dass in Stuttgart erst 1882 die elektrische Straßenbeleuchtung eingeführt wurde.

In Leonberg hat es noch deutlich länger gedauert. Gas kam 1908, als eine Gasanstalt gegründet wurde. Immerhin gab es bereits 1898 die ersten elektrischen Glühbirnen in Leonberg. Sie brannten in der damaligen Süddeutschen Schuhfabrik, „allerdings hatten die ihren hauseigenen Generator“, hat Jenner recherchiert, denn erst 1911 wurde die Stadt an das Elektronetz angeschlossen. „Das heißt aber keineswegs, dass damals alle Haushalte Strom hatten. Selbst die Behörden wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg elektrifiziert“. Wenn es früher dunkel wurde, dann war es auch wirklich dunkel. Abends war es deshalb verboten, ohne eigene Laterne durch die Straßen zu gehen. Wer keine dabei hatte, musste sich „heimleuchten“ lassen.

Stadttore bei Dunkelheit geschlossen

Viel Leben gab es nicht in den Gassen, denn die Stadttore wurden bei Dunkelheit geschlossen. Am Hirschbrunnen an der Grabenstraße zeigt Jenner, wo früher die Stadtmauer verlief. Der Torwächter durfte nur im Notfall öffnen oder für den Herzog. Wer vor dem Tor bleiben musste, hatte aber mehrere Einkehrmöglichkeiten. Drei Gasthäuser gab es an dieser Stelle.

Jenner macht mit der Gruppe auch in der Bahnhofstraße Station, die eigentlich nicht gerade als Sehenswürdigkeit bekannt ist. „Sie ist ein Symbol für die große Dunkelheit, die sprichwörtlich über Deutschland und auch Leonberg kam und gehört daher zur Stadtgeschichte“. Am 31. Dezember 1944 wurden 200 Gefangene vom Bahnhof aus heraufgetrieben zum Konzentrationslager in der Seestraße. Dort war im Engelbergtunnel bis April 1945 ein Arbeitslager eingerichtet. Rund 3000 KZ-Häftlinge aus ganz Europa wurden in diesem Zeitraum nach Leonberg gebracht, um Tragflächen und Fahrwerke für einen Düsenjäger zu montieren.

1796 gab es schon Leselampen

Von hier aus geht es im Licht der Fackeln weiter in Richtung Schloss. Dort muss es ab 1796 bei Schillers Mutter Elisabeth bereits Leselampen gegeben haben, die sehr nützlich waren bei den sehr gefragten „Literarischen Salons“, die hier stattfanden. Als Witwe eines Hofbeamten konnte sie kostenlos im Schloss wohnen und den Pomeranzengarten genießen, der 1609 für die Herzogin Sibylla von Württemberg von Heinrich Schickhardt angelegt wurde. Leider kommt seine Pracht bei Nacht nicht zur Geltung. Dafür führt der Weg an der Stadtmauer entlang zum Rest des alten Eisturmes ganz am Ende des Schlosses. Es ist der letzte noch sichtbare Turm der Stadt, der damalige Kühlschrank des Adels. Hier wurde im Winter Eis aus Seen eingelagert. Durch die rund anderthalb Meter dicke Mauer blieb die Kälte lange erhalten.

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