Leonberg Den Anfang machen streikende Schuhmacher

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In den Anfängen der Süddeutschen Schuhfabrik hatten sich hier streikende Arbeiter selbstständig gemacht. Foto: Stadtarchiv

Leonberg - Wenn es im Gemeinderat um das Thema bezahlbaren Wohnraum geht, dann wird als möglicher Standort auch die ehemalige Süddeutsche Schuhfabrik in der Eltinger Straße 11 ins Gespräch gebracht. Doch um welches Gebäude geht es dabei? Die Stadtarchivarin Bernadette Gramm und die Kulturamts­leiterin Christina Ossowski haben die geschichtlichen Fakten und seine Nutzung bis heute zusammengefasst.

Im Jahr 1821 hat der Steinhauer und Werkmeister Jung Heinrich Haueisen ein zweistöckiges Haus mit zwei Wohnungen und mit Scheuer auf der Lamter gebaut. Das Anwesen geht später an einen Oberamtsgerichtsbeamten, an einen Architekten, und ab 1856 an verschiedene Färber. „Die fanden genügend Wasser für ihr Gewerbe und ihre Färberwerkstatt und haben ein Farbhaus angebaut“, hat Bernadette Gramm recherchiert.

Die Anfänge waren Ende des 19. Jahrhunderts

Der „Färbereibesitzer“ Gottlieb Laurer hat im Oktober 1896 das Anwesen an den Schuhmachermeister Christian Popp, Süddeutsche Schuhfabrik Leonberg, für 19 500 Mark verkauft. Die Fabrik war im September 1896 von streikenden Schuhmachern der Schuhfabrik Schmalzriedt (an der Bahnhofstraße) als Genossenschaft gegründet worden. Doch sie war nicht erfolgreich. Schon ein Jahr später muss die Genossenschaft alles wieder verkaufen. „Der stattliche Aufschlag beim Verkaufspreis von 25 000 Mark rührt vermutlich von den angeschafften zum Fabrikbetrieb nötigen Maschinen her“, meint die Stadtarchivarin.

Neuer Fabrikherr wurde ein Kreditgeber, der Lederfabrikant Käß aus Backnang. Er ließ anstelle des abgebrochenen Farbhauses 1898 „ein ganz massives von Backsteinen erbautes zweistockigtes Fabrik­gebäude“ errichten. 1910 übernahm Karl Käumlen die Firma und erhöhte das ­Fabrikgebäude um einen dritten Stock.

1925 werden täglich 300 Paar Schuhe prodiziert

Im Jahr 1925 beschäftigt die Firma 95 Arbeiter und zehn Angestellte. Täglich werden 300 Paar Schuhe produziert. Die örtliche Konkurrenz, die Leonberger Schuhfabrik Schmalzriedt hat 122 Arbeiter und 13 Angestellte und stellt täglich zwischen 350 und 400 Paar Schuhe her. Die Geschäfte liefen gut. Käumlen hat 1928/29 neben der Fabrik ein Wohnhaus gebaut. Die hergestellte Schuhmarke hieß „Leona“.

Letzter Besitzer und Fabrikchef der Süddeutschen Schuhfabrik war Erich ­Hägele, der Neffe von Karl Käumlen. Im Jahr 1977 wurde die Produktion eingestellt. Der Handel mit Schuhen ging noch einige Zeit weiter. Andere Firmen nutzten Räume der Fabrik – in den 80er-Jahren die ABG   Apparatebau oder die Verpackungs­maschinen und BMC-Steuerungstechnik Inh. E. ­Meyer. Und dann zog die Kultur ein.

Ende der 70er Jahre zogen in die einstige Schuhfabrik Kunststudenten von der Kunstakademie Stuttgart ein. Sie fanden durch das Wohlwollen des Besitzers Erich Hägele nicht nur Atelierräume, sondern auch Ausstellungsflächen. In sogenannten „Glaskasten“ wurden zahlreiche Kunstausstellungen der jungen Künstler gezeigt. „Erich Hägele war der Kunst gegenüber sehr aufgeschlossen und erlaubte den Künstlern, Fuß zu fassen“, weiß Christina Ossowski.

1984 bezog der namhafte Maler und Grafiker Andràs Markòs eines der Ateliers. Er gehörte zu der 1982 in Leonberg gegründeten Künstlergemeinschaft „Die Gruppe“ mit Hans Mendler, Frederic Bunsen sowie Gerd Fabrizius. 1986 stellte Erich Hägele Markòs das Erdgeschoss für Ausstellungen und eine Radierwerkstatt zur Verfügung.

Künstler bekommen den Vorrang

Obwohl sich 1991 die Stadt um das Gebäude bemühte, um eine städtische Galerie zu gründen, gab Hägele Markós den Vorzug. 1993 gründete der zusammen mit dem Stuttgarter Galeristen Gerhard Walz den Glaskasten Verlag. Zu den illustren Gästen zählten Josef Beuys, Björn Engholm (SPD) und Albert Scarlione (Park West Galeries, USA). Kunsthandel, ein Atelier, die Galerie, ein Kunstversand und eine Druckerei ­waren hier bis 2002 angesiedelt. Von 1984 bis 1990 und dann wieder von 1996 bis 2007 übernahm der amerikanische Künstler Frederic Bunsen das Atelier des Leonberger Künstlers Mathias Keller. Bunsen erteilte auch Kunstunterricht. Viele seiner Schüler arbeiten bis heute hier.

Matthias Keller, der zu den Gründern des studentischen Glaskastens gehört ­hatte, war der Begründer der Leonberger Jugendkunstschule, die in einem Pavillon im Hof der Gerhart-Hauptmann-Realschule untergebracht war. „Als der abbrannte, konnte die Kunstschule Dank der Groß­zügigkeit von Erich Hägele in die früheren Ausstellungsräume einziehen“, sagt ­Ossowski. Als Kunstschule der Volkshochschule wird sie dort bis heute betrieben.

Treff bei den langen Kunstnächten

Mitte der 90er Jahre zog mit Dieter Hausner ein anderes Schwergewicht der Leonberger Kunstszene in das Vordergebäude ein. Hausner hatte im Café am Markt seine ersten Geschäftsräume und zeigte dort als einer der ersten Galeristen die Werke zeitgenössischer Künstler. Carina Straub setzt sein Werk fort und ist heute eine gesuchte Partnerin für Bildrahmungen und Restaurierungen im Künstlerhaus.

„Als das Stadtmuseum 2006 seine angestammten Magazin-Räume verlassen musste, war wieder Erich Hägele bereit, eine Etage für die Lagerung stadtgeschichtlich wertvoller Objekte zur Verfügung zu stellen“, sagt die langjähriger Leiterin des Kulturamtes. Dieser Bestand war seit den 60er-Jahren von ehrenamtlich tätigen, stadtgeschichtsbegeisterten Bürgern bei Abbrüchen alter Gebäude gerettet worden.

Besonders bei den langen Kunstnächten können die Flaneure drei Ateliers, die Kunstschule, sowie die Galerie von Tobias Kegler im Künstlerhaus besuche

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