Leonberg Demokratie findet sich im Recht, nicht im Blut

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Lale Akgün spricht im Albert-Schweitzer-Gymnasium Foto: Langer

Leonberg - Von einem gefährlichen „Ping-Pong-Spiel zwischen zwei rechten Gruppen” spricht Lale Akgün beim Holocaust-Gedenktag. Die deutsch-türkische, frühere Bundestagsabgeordnete kommt auf Einladung der KZ-Gedenkstätteninitiative und der Stadt Leonberg ins Albert-Schweitzer-Gymnasium und befasst sich bei ihrem Vortrag „Wir, das Volk – Wir, die Rechtgläubigen“ mit Nationalisten und Islamisten, die an Einfluss gewinnen und die mehr verbindet, als auf den ersten Blick scheint. Dass die Gedenkstätteninitiative am Holocaust-Gedenktag das Thema Islamismus auf die Agenda setzt, ist kein Zufall. „Zwischen Islamismus und Nationalismus gibt es Parallelen“, sagt die Vorsitzende Marei Drassdo. Zwar hätten in Leonberg bislang weder die einen, noch die anderen für Schlagzeilen gesorgt. „Aber es kommen wieder Strömungen auf, die so gefährlich sind, dass man den Anfängen wehren muss“, meint Drassdo.

Das Credo der Gedenkstätteninitiative „Wir alle sind dafür verantwortlich, was aus der Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft wird“ dient der aus Köln angereisten Gastrednerin Akgün quasi als Steilvorlage. Die Einladung nach Leonberg sei für die 63-Jährige, die trotz ihres Migrationshintergrundes die Nazi-Verbrechen auch immer als ein Teil ihrer eigenen Geschichte betrachtet habe. „Die Gegenwart und Zukunft werden derzeit durch den Islamismus und Nationalismus in Atem gehalten“, sagt die frühere Bundestagsabgeordnete und Islambeauftragte der SPD, die regelmäßig kritisch das Wort ergreift, wenn es um Kopftücher, Moscheebauten oder Erdogans Politik geht.

Kritik an Ditib

Klartext spricht sie auch im Atrium des Gymnasiums. „Rechtsradikale Organisationen und religiöse Fanatiker sind Brüder und Schwestern im Geiste“, sagt sie und lässt kein gutes Haar an den islamischen Verbänden, allen voran an der Türkisch-Islamischen Union Ditib, die sie als verlängerten Arm der Regierung in Ankara sieht. Mit ihrem rückwärtsgewandten Islamverständnis beanspruchten sie die Definitionsmacht über die Religion, und das, obwohl sie nur 20 Prozent der vier Millionen in Deutschland lebenden Muslime vertreten. „Sie stehen nicht für die Werte der Aufklärung und lehnen unseren Lebensstil ab“, moniert sie.

Gerade auch deshalb seien die Verbände nicht gerade als Partner bei der Integration der Flüchtlinge prädestiniert. „Religion ist ohnehin keine gute Grundlage für die Integrationspolitik“, befindet sie, schreibt den türkischen Islamverbänden aber mehr als nur eine religiöse Rolle zu. Laut ihr werden dort schon mal Wahlempfehlungen zu Gunsten der türkischen Regierungspartei AKP gegeben. „Das sind politische Vereine im Sinne einer national-islamistischen Gesinnung“, sagt Akgün, die von den „Hinterhöfen der türkischen Politik“ spricht.

Nicht politischen und richtigen Islam verwechseln

Die muslimische Gemeinschaft in Deutschland sei kunterbunt. „Es gibt Frommgläubige wie auch Atheisten“, sagt Akgün, die mit neun Jahren aus Istanbul nach Deutschland kam und sich selbst als „Kulturmuslima“ bezeichnet – heißt: Tradition ja. Religion? Nein, danke! „Sie dürfen sich also nicht täuschen lassen, wenn man Ihnen den politischen Islam als den richtigen Islam verkaufen möchte“, appelliert sie an die Zuhörer. Dies sei ein Affront gegen alle, die den Islam anders auslegen und eine Steilvorlage für Anhänger rechter Gesinnung. „Solange wir den politischen Islam als den richtigen wahrnehmen, desto mehr werden diejenigen, die den Islam als Feindbild aufbauen, an Stärke gewinnen“, betont sie und spricht von einem Ping-Pong-Spiel zweier rechter Gruppen.

Mit Blick auf Baden-Württemberg bemerkt Akgün: „Die Erfolge der AfD bringen die Theorie vom abgehängten Milieu stark in Bedrängnis, gibt es doch hier praktisch Vollbeschäftigung.“ Passend zum Anlass übt sie Kritik an der Forderung Jörg Meuthens, Fördergelder für die NS-Gedenkstätte im französischen Gurs zu streichen. Ihren Vortag vor den rund 50 Zuhörern beschließt sie aber mit Zuversicht. „Als Demokraten, deren Stärke in der Vielfalt und Solidarität liegt, sind wir in der Mehrheit“, sagt sie und betont: „Wir müssen die Argumentation der Rechten demontieren und aufzeigen, dass sie nur eine Luftblase ist.“ Denn AfD und Pegida seien nicht das Volk, rechtsstaatliche Demokratie finde sich in der Rechtsgemeinschaft, nicht im Blut.

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