Landtagspräsidentin Muhterem Aras in Ditzingen Politik im Klassenzimmer

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Muhterem Aras hat bei ihrem Besuch in der Glemsaue Foto: factum/Weise

Ditzingen - Der prominente Besuch wird von den Gymnasiasten in der Glemsaue voller Spannung erwartet. Aufgeregt tuschelnd warten die 80 Zehnt- und Zwölftklässler am Montagvormittag vor dem Klassenzimmer – schließlich kündigt sich nicht alle Tage die Spitze des Landtags an. Muhterem Aras (Grüne) ist seit der Landtagswahl 2016 dessen Präsidentin. Sie berichtet im Klassenzimmer von sich und der Arbeit im Parlament und lässt sich dann mit Fragen löchern. Davon stellen die Jugendlichen mehr als ein Dutzend. Erst trauen sie sich kaum, doch kurze Zeit später ist das Eis gebrochen, zumal die 52-jährige Aras mitunter auch aus dem Nähkästchen plaudert. Frauen im Landtag, Bildungspolitik, Syrien-Krieg, Fake-News, Brexit, Präsident Donald Trump: Es gibt einiges zu diskutieren.

„Im Landtag ist der Ton deutlich rauer geworden“, sagt Aras, die mit zwölf Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist und nach dem Abitur Wirtschaftswissenschaften studiert hat. Habe sie als Sitzungsleiterin in der vergangenen Legislatur keine sogenannten Ordnungsrufe erteilt, die die Abgeordneten an einen fairen und respektvollen Umgang miteinander erinnern, seien es seit 2016 schon fünf gewesen – plus ein Sitzungsausschluss. Und allesamt seien an die AfD gegangen. „Die AfD provoziert bewusst bei bestimmten Themen“, sagt Aras, und die anderen Fraktionen stiegen auch noch darauf ein.

Ob sie es als Frau schwerer habe in der Politik, will eine Schülerin wissen. Aras schüttelt den Kopf. „Wir Frauen sind nicht besser oder schlechter als Männer. Wir müssen uns aber mehr zutrauen und uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir entdeckt werden“, sagt Aras und verweist auf einen Frauenanteil im Landtag von „bloß“ 25,8 Prozent. Zu den anstehenden Koalitionsgesprächen zwischen Union und SPD findet sie ebenfalls klare Worte. „Das ist grundsätzlich richtig.“ Tun sich mehrere Parteien zusammen, bildeten sie ein breites Spektrum der Gesellschaft ab. „Es liegt im Wesen der Demokratie, dass Parteien koalieren“, sagt Aras.

Appell an Schüler, wählen zu gehen

Auch die Folgen des Brexit für Baden-Württemberg aus Sicht einer Landespolitikerin interessiert die Schüler. „Der Brexit wirkt sich auf alle Bereiche aus“, sagt Aras. Das Referendum, das den Ausstieg der Briten aus der EU besiegelt hat, wäre ihr zufolge anders ausgefallen, wenn mehr junge Leute abgestimmt hätten. Die Auswertung des Votums zeigt: Je älter ein Wähler ist, desto eher stimmte er für den Austritt. Doch die Wahlbeteiligung der Jungen war sehr niedrig. „Gehen Sie wählen. Bei Wahlen werden Entscheidungen getroffen, die Ihren Alltag und Ihre Zukunft betreffen“, appellierte Aras deshalb an die Schüler.

Indes sagen Schüler wie Arno Wagner und Kerria Drüppel, dass Politik bei den Gymnasiasten in der Glemsaue eh „ein großes Thema“ sei. „Viele haben ein Grundinteresse“, sagt die 18-jährige Drüppel, die im Jugendgemeinderat sitzt. An Aras habe sie beeindruckt, „dass sie weiß, wovon sie spricht“. Arno Wagner, 16, findet: „Viele Politiker widersprechen sich, reden um die Dinge herum oder spekulieren. Aras hat sich sehr neutral geäußert.“

„Großes Interesse“

Der Politiklehrer Michael Hanstein tut viel, um seinen Schülern Politik nahezubringen. Alle Neuntklässler sollen zum Beispiel den Landtag kennenlernen, und vor Wahlen holt der Pädagoge die Kandidaten aus dem Wahlkreis zur Diskussion aufs Podium. „Der erste Schritt, Politik zu machen, ist, mit Politikern ins Gespräch zu kommen“, ist Hanstein überzeugt.

Insgesamt machen junge Wähler und Erstwähler nur rund fünf Prozent aller Abstimmenden aus, nur zehn bis 15 Prozent von ihnen gehen zur Wahl. Das will das Programm „Schulbesuch vom Landtag“ ändern. Seit dem Schuljahr 2011/2012 gibt es die Initiative mit dem Ziel, Jugendliche an die Politik heranzuführen. Aufgrund des „großen Interesses“ wird das Programm in dieser Legislaturperiode fortgesetzt. Dieses Schuljahr nehmen landesweit 50 Schulen teil. „Die Zahl der Anmeldungen übertrifft die Zahl der verfügbaren Termine“, heißt es aus der Landtagspressestelle.

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