Herrenberg Bunter Protest gegen AfD-Veranstaltung

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Mindestens 400 Menschen haben für ein multikulturelles Herrenberg demonstriert. Foto: factum/Weise

Böblingen - Die Polizei war am Mittwochmorgen auf alles vorbereitet. Der Eingang zur Alten Turnhalle in Herrenberg war mit Absperrungen gesichert, vor den Gittern hatten sich zahlreiche Einsatzkräfte positioniert. Der Grund für dieses Aufgebot: in der Halle fand am Tag der Deutschen Einheit eine Veranstaltung der AfD unter dem Motto „Treffen christlicher Patrioten“ statt. Draußen vor der Halle hatte das Bündnis „Herrenberg bleibt bunt“ eine Gegenveranstaltung angekündigt, auch Antifa-Vertreter hatten ihr Kommen angedeutet. Davon war am Morgen aber noch nicht viel zu sehen. Nur eine Handvoll Demonstranten hielten Schilder hoch. „Wir werden alles tun, damit die Veranstaltungen friedlich ablaufen“, hatte eine Polizeisprecherin im Vorfeld zu den geplanten polizeilichen Maßnahmen gesagt.

Und das Konzept ging auf. Unbehelligt konnten die rund 100 Teilnehmer des AfD-Treffens nach einer Taschenkontrolle die Halle betreten. Das Programm begann mit kirchlichen Liedern und einem Gebet. Auch ein Klingelbeutel ging herum, um Geld für die Deckung der Kosten aufseiten der Organisatoren zu sammeln. Dann trat der hessische AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann ans Mikrofon. Der Fuldaer hatte früher für die CDU im Parlament gesessen, war nach einer als antisemitisch verurteilten Rede im Jahr 2003 allerdings aus Fraktion und Partei ausgeschlossen worden.

In Herrenberg sprach Hohmann von „Abtreibung als Massenphänomen“, das die Zukunft des deutschen Volkes gefährde. Die „rot-grünen Heuchler“ trügen Kröten über die Straße, „und was ist mit den kleinen Menschlein?“, fragte er. Auch auf die Themen Islam und Migration, Genderdebatte und Sexualkunde im Unterricht ging er kritisch ein. Nicht alle Zuhörer wollten seine Standpunkte unwidersprochen hinnehmen und diskutierten mit dem Abgeordneten nach dessen Ansprache. „Sie sprechen nicht die Wahrheit, und das entsetzt mich“, sagte eine von ihnen.

„Hoffnung statt Hetze“

Draußen vor der Halle hatten sich derweil rund 400 bis 500 Unterstützer des Bündnisses „Herrenberg bleibt bunt“ versammelt, die mit einer Gegenveranstaltung Flagge für Vielfalt zeigen wollten. Sie hielten Plakate mit Slogans wie „Unsere Alternative ist bunt und schön“ und „Hoffnung statt Hetze“ in die Höhe und hörten den Ansprachen von Herrenbergs OB Thomas Sprißler (Freie Wähler), von Vertretern von Parteien und Kirchen zu. Zwischendurch spielte die Nachwuchsband „Sky V“.

Mitten im Trubel stand Marilyn Foreman. Die in den USA geborene Herrenbergerin hielt ein Schild mit der Aufschrift „Bunt statt braun“ in den Händen und wendete sich damit demonstrativ der Alten Turnhalle zu, in der die Teilnehmer der AfD-Veranstaltung gerade Mittagspause machten. „Ich finde, dass Vielfalt wichtig ist“, sagte sie. Auch in der Landwirtschaft funktionierten Monokulturen schließlich nicht. Im Herrenberger Liederkranz, in dem sie mitsinge, sei am Dienstagabend das Gespräch auf die Demonstration gekommen und da habe sie sich spontan zur Teilnahme entschlossen. „Das ist schon eine Stunde meiner Zeit wert, hier Flagge zu zeigen“, findet sie. Immerhin sei ihr Chor auch mit Menschen aus mehreren Ländern – neben Deutschland auch Ungarn, Polen und eben den USA – besetzt. Eine Erfahrung, die sie sehr schätze.

„Die Kirche war von Anfang an bunt“

Einige Meter weiter schaute Alfred Schwarzwälder, der Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche in Herrenberg, Kindern beim Bemalen eines großen Transparentes zu. „Die Kirche war von Anfang an bunt“, erklärte er sein Engagement bei „Herrenberg bleibt bunt“. Immer, wenn ein anderer Weg eingeschlagen worden sei – bei der Inquisition oder den Kreuzzügen etwa – sei das ein Irrweg gewesen. Außerdem habe jeder Mensch vor Gott den gleichen Wert. Einige andere Kirchenvertreter hätten sich auch in die Alte Turnhalle begeben, um drinnen mitzudiskutieren, sagte Schwarzwälder.

Für die Organisatoren von „Herrenberg bleibt bunt“ war der Tag ein voller Erfolg, sagte Felix Deines vom Herrenberger Jugendhaus, der als Moderator auf der Bühne stand. Mit einem so großen Andrang habe man gar nicht gerechnet. Auch für die Polizei fand der Tag ein ruhiges Ende. Kurz kam es zu einer Aufregung, weil linke Demonstranten lautstark durch die Altstadt zogen. Weitere Zwischenfälle habe es nicht gegeben, sagte ein Polizeisprecher.

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