Herbert Linge wird 90 Ein gutes Vorbild: Der Herbert aus Flacht

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Hat sich in den USA auch um Kunden gekümmert: Herbert Linge. Foto: factum/Granville

Weissach - Fast wäre die junge Erfolgskarriere damals schon wieder vorbei gewesen. „Achtung, Bahn-Schranke!“, brüllt der Renn-Pilot Hans Herrmann, und haut seinem Beifahrer auf den Helm. Beide ducken sich, und rasen mit 160 Stundenkilometern unter der geschlossenen Bahn-Schranke durch. Bei diesem Tempo hätten nicht einmal mehr die guten Porsche-Bremsen zum Halten gereicht. 1954 war das, bei der unvergessenen Mille Miglia, dem 1000-Meilen-Rennen durch Norditalien – und der Kopilot von Hermann war Herbert Linge. Zum ersten Mal sitzt der damals 25-Jährige bei einem wichtigen Rennen in einem Cockpit, und bleibt von da an quasi dort sitzen. Bis heute, denn auch im 90. Lebensjahr klettert die Rennsport-Legende regelmäßig in schnelle Schlitten.

Hans Herrmann, der gute Freund

Am Montag nun hat Herbert Linge das neunte Lebensjahrzehnt vollendet und der Schuppen im ehrwürdigen Weissacher „Clubheim der Freunde luftgekühlter Boxermotoren“ ist voll. Die Reise nach Weissach hat sich auch Hans Herrmann nicht nehmen lassen, Linges Freund, Vorbild und allererster Renn-Kollege. „Der Herbert ist ein ehrlicher, sympathischer und unglaublich verlässlicher Mensch“, erzählt Herrmann, der seinerseits seinen 90. Geburtstag schon im Februar begangen hatte. „Ich wünsche ihm, dass wir noch einige Zeit miteinander erleben dürfen.“

Herbert Linge ist ein Porsche-Mann der ersten Stunde, als 14-Jähriger beginnt er die Mechaniker-Lehre bei dem Unternehmen. In den Clubschuppen nach Weissach ist auch Wolfgang Porsche zum Gratulieren gekommen. „Ich war sieben oder acht Jahre alt, da habe ich Herbert Linge zum ersten Mal kennengelernt“, erinnert sich der Porsche-Aufsichtsratschef. „Er hat alles erledigt, was zu machen war“, weiß Porsche. Ein Rennfahrer hat gefehlt? Klar, der Linge sprang ein. Und dabei ist er immer bescheiden geblieben. Linge ist vor 90 Jahren in Flacht geboren worden, ist nie weggezogen, lebt immer noch in dem Heckengäu-Dorf. „Herbert Linge ist immer auf dem Boden geblieben“, stellt darum auch Wolfgang Porsche fest. „Er ist ein gutes Vorbild.“

Und das ist auch der Grund, warum sich das Porsche-Entwicklungszenrum in Flacht angesiedelt hat. Herbert Linge hat seine Spuren in dem Unternehmen hinterlassen, das stellt niemand geringeres fest, als der Porsche-Chefhistoriker. „Herbert Linge ist der Vater des Entwicklungszenrums“, sagt Achim Stejskal, der Leiter des Porsche-Museums, der sich ebenfalls unter die Fest-Gäste gemischt hat. „Er ist aber zum Beispiel auch der Pionier unseres USA-Geschäfts. Er ist damals rübergegangen und hat unsere Kunden betreut.“

Er fährt immer noch

„Er hat möglich gemacht, dass wir heute das tun, was wir tun“, sagt Marc Lieb. Der 37-Jährige ist Porsche-Werksfahrer, hat auch schon Le Mans und viele andere Rennen gewonnen und ist damit einer der Nachfolger von Linge. „Auch später hat er sich sehr für uns Fahrer eingesetzt und ist zum Beispiel für unsere Sicherheit eingetreten.“

Bis heute trifft man die Legende auf Veranstaltungen und bei Rennen – und „er fährt noch sehr gut“, attestiert ihm Marc Lieb. Letztmals etwa vor einem Monat, mit dem originalen Renn-Elfer von 1965, als Linge nochmals die Kurvenlabyrinthe der Rallye Monte Carlo bewältigte. „In gekonnt forscher Gangart, wie mir berichtet wurde“, verrät der Porsche-Entwicklungschef Michael Steiner in seiner Geburtstagsrede für den Jubilar.

Forsch und frisch turnt der Tausendsassa im Weissacher Clubheim von Geschenkkorb zu Umarmung, als feiert da jemand seinen 30.: „Ich bin überwältigt!“

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