Glemseck 101 in Leonberg Die größte Motorrad-Familie Europas trifft sich

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Auch kuriose Gefährte sind am Glemseck zu sehen. Foto: Bartek Langer

Leonberg - Weihnachten oder Glemseck? Für Herbert Hamacher steht die Entscheidung fest, da muss er nicht lange nachdenken. Auf das Motorrad-Event am Leonberger Glemseck freut er sich mehr, klar. „Das ist für mich immer das beste Wochenende im ganzen Jahr“, sagt er. Zusammen mit seinem Kumpel Stefan Schurr sitzt er vor seinem Zelt auf der Wiese neben dem Glemseck-Hotel. Das Gespräch wird da aber jäh unterbrochen, denn eine ganze Kolonne von zwei Duzend Motorrädern rollt jetzt quer über die zum Zeltplatz umfunktionierte Wiese. Hamacher Augen leuchten noch mehr. „Wenn Du so eine Kulisse hast, dann freut dich das doch“, sagt der 57-jährige Niederländer, der aus der Nähe von Maastricht nach Leonberg zu „Glemseck 101“ gekommen ist.

Wobei schon allein die Anreise gar nicht so einfach ist. Tausende wollen zu dem markenübergreifenden Motorradtreffen, das immerhin eine der größten Veranstaltung ihrer Art in Europa ist und an drei Tagen die Glemseck-Kreuzung in Leonberg belagert. Bis fast auf die Autobahn reicht der Rückstau der zwei- und vierrädrigen Anreisenden. Motorräder parken schon auf der kompletten Länge der Landesstraße und bilden den längsten Bike-Parkplatz weit und breit. Selbst Motorradfahrer müssen da einen längeren Fußmarsch in Kauf nehmen, um nach vorne zur Rennstrecke zu kommen.

Internationale Rennpromis beim 1/8-Meile-Sprintrennen

202 Meter Landesstraße im sonst beschaulichen Mahdental sind da abgegrenzt, nervös drehen dort die Bike-Fahrer an Gas und Kupplung ihrer Schätzchen. 1/8-Meile-Sprintrennen nennt sich das, eine Starterin im flottem Kleid springt in die Luft und reißt ihre Flagge nach unten, zwei Höllenmaschinen starten dann mit Vollgas und lautem Gebrüll und fahren schon nach ein paar Sekunden in die Ziellinie.

Internationale Rennpromis geben sich auch in diesem Jahr wieder die Ehre, der Australier Mick Doohan zum Beispiel, fünffacher Weltmeister in der 500-Kubik-Klasse der Motorrad-Weltmeisterschaften. „Er hat aber eine super Konkurrentin“, kündigt der Moderator und Glemseck-Organisator Jörg Litzenburger an und präsentiert die Motocross-Meisterin Caro Fitus, eine Lokalmatadorin, die schon einige der mittlerweile 13 Glemseck-101-Rennen mitgefahren ist.

Am Ende dieses „Sprint International“ am Samstagnachmittag haben aber beide das Nachsehen, den Sieg fährt der Schweizer Andy Hofmann ein, der zum Beispiel 1997 den Macau-Grand-Prix gewonnen hat. Jörg Litzenburger, der im Hauptberuf Suchtbeauftragter des Landratsamts Böblingen ist und das Glemseck 101 zusammen mit Peter Herrle von der Stadtverwaltung Leonberg organisiert, ist zufrieden. „Es ist nicht zu heißt, es regnet nicht – ideales Glemseck-Wetter also.“

Nicht ganz so ideal indes ist das Eröffnungsrennen gelaufen. Wie immer treten als erstes zwei Lokalpolitiker gegeneinander an. Der Glemseck-Veteran Landrat Roland Bernhard führt den Neuling OB Martin Kaufmann (SPD) ein, beziehungsweise will dies tun. Denn kurz nach dem Startschuss bremst der Landrat wieder ab und Kaufmann fährt allein über die Ziellinie.

Der Landrat scheitert an der Kupplung

„Eigentlich bin ich gut weggekommen“, erklärt Roland Bernhard später. „Aber ich konnte nicht in den zweiten Gang schalten, weil die Kupplung defekt war.“ Pech für Roland Bernhard, der ein begeisterter Motorradfahrer ist, amtsbedingt aber nur noch selten zu diesem Hobby kommt und sich daher jedes Jahr auf das Event in Leonberg freut. „Hier liegt Benzin und der Geschmack von Reifen in der Luft“, sagt er. „Und glücklich Motorradfreaks aus ganz Europa, das ist doch toll.“ Begeistert ist auch Martin Kaufmann, der zum ersten Mal beim Glemseck 101 ist. „Das sucht seinesgleichen“, sagt er. „Ich zieh meinen Hut vor den Organisatoren.“

Die müssten allenfalls an der Tribüne noch nachbessern, die ist nämlich viel zu klein. Viele Fans kommen überhaupt nicht rauf. „Ja, wir haben auch nichts von den Rennen gesehen“, sagt Stefan Schurr, der mit Herbert Hamacher daher immer noch vor dem Zelt sitzt. „Das aber auch wirklich der einzige Mangel“, ergänzt Hamacher. Was das schönste am Glemseck ist? „Die Vorfreude“, sagt Stefan Schurr und lacht. Und die Gemeinschaft – von Frauen und Männern, von Jungen und Alten. „Im Fußball bekriegen sich alle“, erklärt der Aachener. „So eine Aggressivität gibt es hier nicht.“

Natürlich auch nicht auf der Händlermeile, wo sich drei Kilometer lang Stand an Stand reiht und ein Durchkommen zwischenzeitlich kaum noch möglich ist, weil neben den Menschenmassen auch noch die ein oder anderen Motorräder durchmüssen. Schrauberbetriebe bieten hier ihre Dienste an, Biker such nach der nächsten Umbau-Idee für den kommenden Winter. Wolfgang Maier betreibt seine Radspannerei eigentlich in Heimderdingen, ist für dieses Wochenende natürlich auch zum Glemseck umgezogen und zeigt die glänzenden Radspeichen, die er individuell anfertigt. „Die Veranstaltung hier ist aber teuer und aufwendig“, sagt er und macht kein Geheimnis darauf, dass die Standpreise deutlich angezogen sind. „Aber es gehört natürlich dazu, dass wir hier Kontakt zu unseren Kunden pflegen.“

Auch für Uwe Tischler ist die Schmerzgrenze erreicht, was die Standpreise anbelangt, die die Stadt Leonberg verlangt. „Dadurch bleiben die kleineren Händler weg und es wird immer kommerzieller“, sagt der Ersatzteil-Händler aus Frankfurt, der BMW-Teile im Angebot hat und Vergaser für Oldtimer restauriert. „Ich komme eben, damit die Leute mich sehen und wissen: Es gibt mich“, erklärt Tischler.

Besuch

Am Sonntag, 2. September, gibt es am Glemseck in Leonberg nochmals von 12 bis 18 Uhr Programm.

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