Fasnet in Weil der Stadt Das Fasnetsküchle ist dem Pfarrer zu teuer

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„Das sie in der Fastnacht ain muettwillig Mummerey gehalten“ – eine Stadtrechnung von 1625 im Stadtarchiv Weil der Stadt. Foto: factum/Granville

Weil der Stadt - Das wenige, das wir heute über die Frühzeit der Fasnet in Weil der Stadt wissen, steht auf den vergilbten Blättern der reichsstädtischen Rechnungs­bücher und Ratsprotokolle im Weiler Stadtarchiv.

1548 taucht in den alten Akten zum ersten Mal der Begriff „Fastnacht“ auf. Damals belohnte die städtische Obrigkeit die Gassen- und Turmwächter mit Wein und Brot – als symbolische Geste der Anerkennung für ihre Dienste. Diese Sonderzulage in der Fastnacht wurde damals schon als ­„alter Brauch“ bezeichnet. Auch die Waisen im Spital bekamen am Fastnachtsdienstag zwei Extra-Schoppen „Spithal-Wein“ zum Mittagessen, da ja nun 40 Tage Abstinenz vor ihnen lagen.

Aus dem 16. Jahrhundert ist noch ein anderer Fastnachtsbrauch überliefert. Da klagt der Stadtpfarrer, dass ihn das „Fastnachtsküchle“, das er seinen Helfern spendieren musste, mindestens drei Gulden gekostet habe. Mit dem „Küchle“ waren die im „Schmotz“ gebackenen Krapfen gemeint, mit deren Hilfe man am Vorabend der Fastenzeit die Schmalz- und Eiervor­räte aufbrauchte. Das „Küchleholen“ ist in vielen Narrenorten überliefert.

1625 ist erstmals von einer „Strafaktion“ die Rede

Was nun die „Mummerey“ , also das Verkleiden und Maskenlaufen anbelangt, so ist hier die Überlieferung recht spärlich, da die Fasnet immer nur dann in den Akten erschien, wenn aus dem Spiel Ernst wurde und die Narretei gegen die „Polizey“, nämlich die sittliche Ordnung in der Stadt, ­verstieß. 1625, also vor 393 Jahren, ist erstmals von einer derartigen Strafaktion die Rede.  Vier vermutlich junge Handwerks­gesellen hatten zusammen mit ­Michel, dem Oberknecht im Spital, „in der Fastnacht ein muetwillig mummerey ­gehaltten“. Wie dieses „Häs“ ausgesehen hat, beschreibt der Stadtrechner allerdings nicht. Jedenfalls ist dies der älteste bekannte ­Beleg für närrische Umtriebe in Weil der Stadt.

Nach dem Stadtbrand 1648 sprudeln die amtlichen Quellen leider auch nicht munterer. Die Obrigkeit scheint etwas milder gestimmt gewesen zu sein. Am Fastnachtsdienstag 1678 ließ der Rat sogar einmal ­seine Sitzung ausfallen, „weil man der Faßtnacht auch etwas Platz gelassen hat“. 1656 und 1665 wurden den jungen Gesellen die ehrlichen Tänze „aus Gnad vergünstiget“ . Fastnächtliche Aktivitäten mussten grundsätzlich vom Rat ­genehmigt werden. Im 18.   Jahrhundert nahm der Magistrat jedoch durchweg eine ablehnende Haltung zur Fastnacht ein. Jedes Mal ging es um Verstöße gegen das Vermummungsverbot.

Aber die Narren scherten sich herzlich wenig um die Vorschriften. Besonders anschaulich wird ihre Widerspenstigkeit im Ratsprotokoll vom 8. März 1715 geschildert. Die Narren hatten trotz des amt­lichen Verbots Musikanten engagiert und ein Fässlein Wein auf einem Pferdeschlitten durch die Stadt geführt. Hoch zu Ross saß ein „Vermumbter“ im „Narren Kleid“. Der Bürgermeister knöpfte sich die Frevler vor. Einer von ihnen brachte die faule Ausrede vor, sie hätten nur den Friedensschluss gefeiert, der den Spanischen Erbfolgekrieg beendete.

Der Wein wird konfisziert

Ihn ließ der Rat in den „Narrenstall“ sperren. Einem zweiten, der „nur höhnisch gelachet“ und erklärt hatte, er sei in der „Narren Zunfft“, erging es nicht besser. Der Wein wurde konfisziert und erst gegen Entrichtung der Getränkesteuer freigegeben. Dem Rat ging es vor allem um die Verteidigung seiner obrigkeitlichen Gewalt und weniger um die Bekämpfung antiquierter Relikte aus dem „finsteren“ Mittelalter. Denn die Ideen der Aufklärung hatten sich noch kaum in den Köpfen der biederen Kaufleute und Handwerker eingenistet.

Einmal sah sich auch der Pfarrer zum Einschreiten veranlasst. Ein paar Leineweber und der Sohn des Schulmeisters hatten am Aschermittwoch „die Fassnacht begraben und mit einem Besen, der Leich vorgehend, das Weihwasser außgetheilet“ (1752). Diese närrische Inszenierung musste als Verunglimpfung kirch­licher Zeremonien geahndet werden. ­Öffentliches Ärgernis erregten auch ein stadtbekannter Trunkenbold, der an der Fastnacht 1764 „in Weibs Kleydung in der Stadt und den Wirtshäusern herumb­gelegen“, und eine Frau, die in „Mannes Kleyder und Hosen verkleydet im Kreuz und der Rose zu nachts Zeiten herumbgeloffen.“ Der Rollentausch der Geschlechter galt als besonders sittenwidrig.

Erst am Ende der Reichsstadtzeit ist erstmals ausdrücklich von Masken die ­Rede. 1783 befürchtete der Rat, „aus dem Masquirten Dahergehen, und Masque laufen“ könne „Unheil und Ausgelassenheit“ entstehen. Deshalb ließ er den Stadtknecht am Sonntag vor der Kirche das Verbot des Maskenlaufens verkünden. Leider sind ­keine der alten Masken und Häser für die Nachwelt erhalten geblieben.

Maskieren ist eine politische Unbotmäßigkeit

Nachdem sich Württemberg 1802 die freie Reichsstadt Weil einverleibt hatte, war das Schicksal der alten Straßenfasnet der kleinen Leute endgültig besiegelt. Das Maskieren war aus württembergischer Sicht ein Akt politischer Unbotmäßigkeit hinter der Maske der Brauchtumspflege. 1809 sprach König Friedrich das folgenreiche Verbot aller „Vermummungen auf Straßen und an öffentlichen Orten“ im Lande aus.

Ganz tot zu kriegen war die Fasnet in Weil aber doch nicht. Obwohl das 19. Jahrhundert ganz im Zeichen des gutbürgerlichen, aus dem Rheinland importierten Karnevals stand, wird Weil der Stadt 1843 in Griesingers „Universal-Lexicon von Württemberg“ – neben Oberndorf und Rottweil – als eine von drei Narrenstädten im Land genannt. Dort herrsche „stets ein fröhliches Leben, das sich besonders zur Zeit der Fastnacht auf eine fast tumultuarische Weise äußert.

Unser Autor Wolfgang Schütz war bis 2004 Lehrer am Gymnasium Weil der Stadt. Er weiß alles über die Stadtgeschichte, die auch in seinem „Vademecum“ nachzulesen ist.

Die älteste Fasnet

Wo gibt es die älteste Fasnet? Nachdem Württemberg nach der Reformation evangelisch wurde, war hier Schluss mit der Narretei, denn Fasten ist bei den Protestanten ohnehin verpönt – daher brauchen sie auch keine Fastnacht.

Die älteste durchgängig gepflegte Fasnetstradition dürfte also dort aufzuspüren sein, wo sich im reformierten Württemberg noch katholische Inseln erhalten haben, sagt der Freiburger Volkskunde-Professor und ausgewiesenen Fasnachtskenner Werner Mezger. Seiner Einschätzung zufolge dürften da Neuhausen auf den Fildern und Weil der Stadt in der Region Stuttgart die (Papp) Nase vorn haben. Schließlich hätten beide katholischen Enklaven einst zum Bistum Speyer gezählt

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