Korntal-Münchingen Der Schulbauernhof braucht dringend mehr Sponsoren

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Die neue Leiterin des Schulbauernhofs Zukunftsfelder, Lisa Gräs, erzählt Kindern alles Wichtige über Hühner. Mehr Bilder vom Schulbauernhof finden Sie in unserer Bildergalerie. Klicken Sie sich durch. Foto: factum/Bach

Korntal-Münchingen - Mit Kindern arbeiten wollte Lisa Gräs schon immer. Also machte sie eine Ausbildung zur Erzieherin und studierte Heilpädagogik in Darmstadt. Dass sie die pädagogische Arbeit einmal mit Landwirtschaft verbinden und mit dem Schulbauernhof Zukunftsfelder in Korntal-Münchingen ein in der Region einmaliges – und landesweit fast einzigartiges – Projekt leiten wird, hatte die junge Frau dagegen nicht im Blick.

Seit gut einem Jahr hat die 31-Jährige aus Ditzingen die pädagogische Leitung für ein Angebot, das regelmäßig ausgebucht ist: Jedes Jahr kommen mehr als 1200 Schüler auf den Hof am Fuß des Grünen Heiners, um dort fünf Tage lang zu wohnen und zu arbeiten. Sie versorgen sich mit den Lebensmitteln, die der Hof bietet und bewirtschaften ihn, so, wie Bauern es tun. Die Tiere sind vorwiegend traditionelle und gefährdete Nutztierrassen wie Limpurger Rinder. Immer wieder müsse sie Anfragen ablehnen, sagt Gräs, die lieber ihre Arbeit als sich in den Mittelpunkt stellt. Sie nennt ihre Aufgabe „im Schullandheim der ganz besonderen Art“ ein „großes Geschenk“. Eines, das vom Himmel gefallen sei.

An der Preisschraube soll nicht gedreht werden

Was nicht vom Himmel fällt, ist Geld. „Der Hof trägt sich wirtschaftlich nicht. Das liegt an der kleinstrukturierten Landwirtschaft. Doch nur so ist die aktive und intensive Mitarbeit der Kinder möglich“, sagt Lisa Gräs. Die Einnahmen deckten nur knapp die Hälfte der Kosten, die 2017 bei etwa einer halben Million Euro lagen. Der Rest kommt vom Träger – die Diakonie der Brüdergemeinde Korntal – von Sponsoren und aus Spenden. Pro Tag und Kind mache der Hof 35 Euro minus. Höhere Preise seien keine Option. „Wir wollen allen Schülern einen Aufenthalt ermöglichen, nicht nur finanziell gut gestellten“, sagt Gräs. Sie sucht daher weitere Unterstützer, einige Kontakte habe sie schon geknüpft. Zwar sei die Existenz des Hofes nicht bedroht. Allerdings könne man mit mehr Geld noch mehr Kinder erreichen. „Wir haben das Potenzial und viele Ideen. Um sie umzusetzen, fehlt uns aber Geld für weiteres Personal.“

Vergleichbar mit diesem Hof ist der 1992 gegründete Schulbauernhof Pfitzingen im Main-Tauber-Kreis. Die Stadt Niederstetten betreibt, das Kultusministerium finanziert ihn. Auf Anfrage heißt es: „Eine Ausweitung der finanziellen Trägerschaft auf andere Standorte ist schon aus Ressourcengründen leider nicht möglich.“

Auch auf eine Finanzspritze vom Ministerium für Ländlichen Raum kann der Korntal-Münchinger Hof nicht hoffen. Zwar trügen seine Angebote dazu bei, Kindern „ein realistisches Bild von der Landwirtschaft zu vermitteln“, sagt ein Sprecher. Trotzdem beabsichtige man nicht, private Höfe zu fördern. Der Sprecher verweist auf das vom Land geförderte Projekt „Lernort Bauernhof“: Mehr als 500 Landwirte öffnen ihre Betriebe stundenweise als außerschulischen Lernort. Jährlich besuchen rund 30.000 Schüler die Höfe. Das Projekt habe ein „sehr gutes Ansehen“ und sei „hervorragend geeignet“, um jenes realistische Bild zu vermitteln.

Wartelisten gibt es auch bei anderen Projekten

Lisa Gräs würde das riesige Hofgelände gern täglich nutzen. Für mehr Jahreszeitenkurse etwa. Dieses Angebot richtet sich an Schulen aus der Region. Sie kommen vier Mal im Jahr, um den Kreislauf der Natur zu erleben. Rund 200 Schüler nehmen jährlich teil – auch für dieses Projekt gibt es eine Warteliste. Die 31-Jährige kann sich auch vorstellen, die Beete intensiver zu bewirtschaften. Grundsätzlich ist sie mit dem Konzept des Schulbauernhofs aber sehr zufrieden. „Meine Vorgänger, die Rittbergers, haben es super durchdacht, weshalb ich es unbedingt so fortführen will.“

Trotz allem hat die 31-Jährige Neues angestoßen. In der Bauernhof-AG können Kinder in schwierigen Lebenssituationen „die Seele baumeln lassen“ durch den Kontakt zu Natur und Tieren. Das Projekt mit Kindern aus der Jugendhilfe fördert die BW-Bank noch bis Januar. Gräs ist zuversichtlich, dass es weitergeht. Im Frühling startet „Rent a Huhn“. Dabei will der Schulbauernhof das Federvieh an Schulen oder Altenheime verleihen. Die Idee stammt von einem anderen Hof, der Schulbauernhof darf sie übernehmen. „Wenn wir schon so viele Anfragen nicht bedienen können, können wir wenigstens dafür sorgen, dass andere Projekte klappen“, findet Lisa Gräs.

Ein kleines Schaf mit großen Folgen

Ferienjobs auf Almen in Norwegen und der Schweiz während des Studiums waren der Auslöser dafür, dass sie ihre Liebe zur „ursprünglichen und ökologischen“ Landwirtschaft entdeckt hat. Und das Schaf Emmi: Für das Tier – ein Geschenk nach einem Praktikum bei einem Schäfer – hatte die Studentin 2012 eine Unterkunft gesucht, wohnte sie doch in einer Wohngemeinschaft. Bei der Stiftung Hofgut Oberfeld in Darmstadt fand Emmi Unterschlupf – und Lisa Gräs ihren ersten Job, der Landwirtschaft und Pädagogik kombinierte. Auch das Hofgut ist ein „Lernort Bauernhof“.

Bevor sie hier sesshaft wurde, wollte Gräs zurück in die Heimat, den Kreis Heidenheim. Und einen Job, „für den ich brenne“. Auf der Bildungsmesse Didacta lernte sie die Rittbergers kennen. „Den Hof fand ich schon immer toll“, sagt Lisa Gräs. Jochen Rittberger hatte beschlossen, in den Schuldienst zurückzukehren und konnte sich Gräs gut als Nachfolgerin vorstellen. Emmi begleitete sie treu – und schlug eine ähnliche Karriere ein: Erst lebte das Schaf auf dem Schulbauernhof, nun wie sie in Ditzingen. Das heute sieben Jahre alte Tier ist im Natur- und Tierkindergarten Lerche untergekommen.

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