Diskussion in Gerlingen Kein Platz für „Nationalsozialisten“

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In Gerlingen gibt es vier Straßen, die seit 1937 nach namhaften Soldaten des Ersten Weltkriegs benannt sind. Nun soll erklärt werden, wer das Quartett war. Foto: factum/Granville

Gerlingen - Es ist die zweite große Debatte innerhalb von sechs Jahren. Der Jugendgemeinderat (JGR) und die Fraktion der Jungen Gerlinger hatten im Herbst 2016 beantragt, die Schilder mit den Straßennamen von angeblich vier vorbildlichen Kämpfern des Ersten Weltkriegs mit Erklärungen zu versehen, um damit die Nazi-Propaganda zu entlarven, unter deren Regime es zu den Straßennamen kam. Die Verwaltung schlägt aber vor, den Text der Antragsteller zu kürzen – unter anderem um das Wort „Nationalsozialisten“. Der Politiker-Nachwuchs lehnte den Kompromissvorschlag des Bürgermeisters ab.

Die Erklärungen an den Straßenschildern sollten zwei Elemente umfassen, schlugen JGR und Junge Gerlinger vor: einen vierzeiligen Text mit dem Namen und den Lebensdaten der Person, nach der die jeweilige Straße benannt ist, sowie zwei jeweils gleichlautende Zeilen. Dazu, so war es gedacht, sollte ein sogenannter QR-Code angebracht werden – damit können Smartphonenutzer eine Internetseite mit Informationen aufrufen. Dieser Text, erarbeitet vom Leiter des Stadtarchivs, Klaus Herrmann, wurde von allen Beteiligten ebenso anerkannt wie die Vorgehensweise an sich. „Der Text erklärt genau, was wir uns vorgestellt haben“, sagte der JGR-Sprecher Steffen Laicher. Auf Widerspruch aber stieß der Textvorschlag der Verwaltung für die Zusatzschilder: das Wort Nationalsozialisten wie die Formulierung „Sein Name wurde zur Kriegsvorbereitung instrumentalisiert“ wurden gestrichen. Beides sei wichtig, so Laicher, „der Nationalsozialismus hat vor Gerlingen nicht Halt gemacht“. Mit der vierten Zeile werde deutlich, „dass die Menschen sich nicht wehren konnten“.

Der Bürgermeister lobt den Antrag

Der Antrag sei zeitgemäß, meinte der Bürgermeister Georg Brenner, und fügte an, das sei „eine ganz tolle Idee“. Das Thema gehe durch alle Generationen. Die Kombination erklärendes Schild und Text per QR sei ideal. Er stehe aber zum Vorschlag der Verwaltung – ohne das Wort „Nationalsozialisten“ und ohne die vierte Zeile. Jeder, der in Geschichte bewandert sei, wisse, was 1937 geschah. Die Terminologie sei schwierig, „man stigmatisiert“. Deshalb habe man den geschichtsneutralen Text vorgeschlagen. Die vierte Zeile könne „nicht besser und deutlicher erklärt werden als durch den QR-Code“.

Ulrike Stegmaier (Grüne) hielt den QR-Code-Text für eine „tolle Lösung“. Sie sei aber erstaunt darüber, dass die vierte Zeile wegfallen solle, „wir brauchen eine deutliche Aussage“. Das Thema rufe Emotionen hervor, so die Fraktionsvorsitzende, die beiden Signalworte seien nötig. Für die CDU erklärte Fraktionschef Christian Haag, der QR-Code-Text biete ein Spektrum der Erklärung, seine Fraktion unterstütze aber die Kürzungen auf den Schildern. „Wir befürchten, dass der Begriff Nationalsozialisten dazu anregt, Blödsinn an den Schildern zu machen.“ Jeder wisse, was 1937 gewesen sei. Und er regte an, Straßenschilder mit den Namen von Gerlinger Persönlichkeiten auch mit QR-Codes zu versehen. Brigitte Fink (SPD) meinte, der Verwaltungsvorschlag sei ein „guter Kompromiss“, den man sehr gut verwenden könne.

NS-Zeit in der Schule selten vor Klasse Zehn

Judith Stürmer von den Jungen Gerlingern stellte klar, in der Schule werde der Nationalsozialismus selten vor Klasse Zehn durchgenommen. Es sei wichtig, „die Dinge beim Namen zu nennen“ und die vier Zeilen stehen zu lassen. In engagierten Statements erklärten fast alle Jugendgemeinderäte, für wie wichtig sie den Vorschlag ihres Gremiums hielten. Der Begriff „Nationalsozialisten“ löse ein Gefühl aus – das wolle man. Nur so würden Passanten bei den Straßennamen den QR-Code-Text nutzen. Die Jahreszahl 1937 allein schaffe das nicht. Straßenschilder mit Signalworten seien ein wertvoller Beitrag, ergänzte Stegmaier. Und Brenner meinte, er müsse sehen, „wie wirkt das auf alle“; deshalb sei der Verwaltungsvorschlag neutral.

Der JGR will nun, dass der Gemeinderat über seinen Antrag en bloc abstimmt und nicht in Teilen. Dies geschieht voraussichtlich in der Sitzung Anfang April.

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