Das Alte Amtsgericht feiert Geburtstag „Dieses Haus lebt durch ein besonderes Flair“

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Managen die Bühne im Alten Amtsgericht: Gerhard Gamp (links) als künstlerischer Leiter und Michael Wieczorek als Vorsitzender des Vereins Die Kultourmacher Foto:  

Böblingen - Gerhard Gamp war schon dabei, als es das Alte Amtsgericht noch gar nicht gab. Als Mitglied der Kabarettgruppe Streusalz suchte er nach einem Probenraum in Böblingen. In Werner Grunert, einem ehemaligen IBM-Betriebsrat und SPD-Landtagsabgeordneten, fand er die entscheidende Hilfe: Der Gemeinderat machte das Gebäude am Schlossberg 1991 zu einem Künstlerhaus. Aus den Streusalz-Proben entwickelte sich eine Spielstätte für bekannte Kabarettisten. Gerhard Gamp sorgt dort noch heute für das Programm – mit dem Verein Die Kultourmacher und seinem Vorsitzenden Michael Wieczorek.

Herr Gamp, Herr Wieczorek, kommt das ­Alte Amtsgericht langsam in die Jahre?
Michael Wieczorek Wir sind immer bestrebt, am Ball zu bleiben! Der Verein Die Kultourmacher ist ja auch erst vor sechs Jahren gegründet worden. Wir sind neue Wege gegangen, haben neue Formate entwickelt und das Haus modernisiert. Ein Beispiel ist, dass wir mit unseren Veranstaltungen ja längst auch aus den Räumen hier in die Stadt hinausgehen. Ich finde, unser Konzept frischer denn je.
Ist das Alte Amtsgericht ein Erfolg?
Gerhard Gamp Von ganz wenig hat sich hier eine Kleinkunstszene entwickelt, die deutschlandweit bekannt ist. Am Anfang war es sehr schleppend, was die Zuschauerzahlen angeht, und finanziell ein Desaster. Aber wir haben die Durststrecke überwunden. Früher gab es nur zwei Veranstaltungen, heute machen wir 30 im Jahr, und sie sind zu 95 Prozent ausverkauft. Ich bekomme im Jahr 250 Anfragen von Künstlern, die bei uns auftreten wollen. Wir sind zwar nur ein kleines Theater, aber wir und unser Publikum punkten mit Freundlichkeit.
Welche Rolle spielt dabei das Gebäude?
Gamp Ohne Raum gibt es keine Taten von Talenten. Und dieses Haus lebt durch ein ganz besonderes Flair und sein Ambiente.
Wieczorek Als Künstlerhaus haben wir ein Alleinstellungsmerkmal. Durch die Nachbarschaft zum Kunstverein und zur Deutsch-Italienischen Gesellschaft ergeben sich gemeinsame Veranstaltungen.
„Herzmassage“ lautete der Titel des Eröffnungsprogramms vor 25 Jahren. Hat das ­Alte Amtsgericht Böblingen belebt?
Gamp Das laue Klopfen eines Herzens ist zu einem stabilen Herzrhythmus geworden, würde ich sagen. Unsere Veranstaltungen sind etabliert, keine Eintagsfliegen, der jährliche Höhepunkt ist das Comedy-Festival mit 1200 Zuschauern in der Kongresshalle. Etwa 150 Künstler haben sich schon dem Urteil des Böblinger Publikums gestellt. Bevor wir auf den Namen „Mechthild“ gekommen sind, hieß die Reihe „Kleinkunstgericht im Alten Amtsgericht“.
Und mit welchen bekannten Künstlern können Sie angeben?
Gamp Das geht schon mit der Eröffnungsveranstaltung los: Vor 25 Jahren war Uli Keuler im Alten Amtsgericht. Wir haben ihn angeschrieben und gefragt, ob er sich erinnern kann. Die Antwort lautete: Er kann sich nicht erinnern. Es war ein legendärer Auftritt. Max Uthoff, Klaus von Wagner, HG Butzko oder Josef Hader waren schon hier. Chris Tall hat gewonnen und füllt wie Heinrich del Cuore heute Stadthallen. Oder Torsten Strotmann: Der hat mit seiner Magic Lounge mittlerweile 250 ausverkaufte Vorstellungen im Jahr.
Zahlt sich die Investition der Stadt in das ­Alte Amtsgericht also aus?
Gamp Es ist eine sehr billige Investition für das, was die Stadt an kultureller Gegenleistung bekommt. Viele Städte investieren deutlich mehr. Kultur macht eine Stadt ­einfach lebenswert.
Wieczorek Man muss auch hervorheben, dass alles ehrenamtlich läuft. Nur deshalb können wir ein solches Programm stemmen. Wir plakatieren selbst, putzen, bestücken das Café. Es muss alles vorbereitet sein. Unser Verein hat rund 200 Mitglieder, aber maximal zehn Leute sind aktiv dabei.
Sie sind beide mehr oder weniger im Rentenalter: Zieht Ihr Programm auch Jugend an?
Gamp Unsere Künstler selbst sind durchweg jung. In der vergangenen Woche war Mirja Regensburg bei uns mit ihrem Programm „Mädelsabend“. Sie ist 32 Jahre ­alt. Im Publikum waren dann auch viele Frauen ihres Alters – aber auch unsere Stammkunden, und die sind eher 60 plus.
Wieczorek Dass die Jugend im Verein fehlt, ist nicht nur ein Problem, das wir ­haben, das haben alle Vereine. Es ist ­einfach sehr schwierig, junge Leute für das Ehrenamt zu akquirieren.
Was wünschen Sie sich für die nächsten 25 Jahre?
Wieczorek Ich hoffe, dass es sich das Alte Amtsgericht so weiterentwickelt wie in den vergangenen 25 Jahren.
Gamp Ich wünsche mir einen Samtsessel in die untere Reihe, von wo aus ich dann ­zuschauen kann, wie es die nächsten ­Kultourmacher machen.
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