Altes Handwerk im Strohgäu Der letzte Küfer von Hemmingen

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Jakob Guggenberger bei der Arbeit mit Fässern – diese Aufnahme stammt vom März 1956. Foto: factum/Weise

Hemmingen - Jeder Weinbauer und jeder Mosttrinker hat ihn gebraucht: Den Küfer. Er lieferte die Fässer, in denen der frisch gepresste Traubensaft zum Wein vergoren und dann bis zur Reife gelagert wurde. Das geschieht heute nur noch mit edlen Tropfen, war früher aber auch für den einfachen Vesperwein üblich. Denn da gab es noch keine Stahltanks, auf welche die Kellermeister heute schwören. Früher wurde ein Fass, ob für 150 oder 1500 Liter, noch kunstvoll aus Eichenholzbrettern gefertigt. Metallreifen hielten die hölzernen Einzelteile, Dauben genannt, zusammen. Irgendwann starb der Küferberuf aus. In Hemmingen ist das noch gar nicht so lange her. Die Erinnerung daran bleibt – nicht nur im Museum.

Der Etterhof in der Eisgasse. Eine knarzende Treppe führt in den ersten Stock. Vieles hier ist aus Holz, nicht nur der Boden. Auf 20 Quadratmetern steht eine komplette Küferwerkstatt: Eine Werkbank, eine Ablage für Dutzende Hobel, ein kleines Fass liegt daneben. Ein großes Holzfass beherrscht die Mitte des Raumes. Werkzeuge liegen darauf. An der Wand hängt ein Meisterbrief: Der von Jakob Guggenberger, geboren im September 1909. Er stammte aus dem Allgäu, lernte Küfer, kam vor dem Krieg nach Hemmingen. „Damals gab es noch zwei Küfer im Ort“, erzählt Manfred Gutbrod, der die Ausstellung im Etterhof vor einigen Jahren mit geschaffen hat: Karl und Wilhelm Bauer. Auch der Gesellenbrief von Karl Bauer ist ausgestellt.

Eine Mosterei kam hinzu

Jakob Guggenberger übernahm in den dreißiger Jahren eine Gemischtwarenhandlung in der Blohnstraße und richtete sich hinter dem Tante-Emma-Laden eine Küferei ein. Später kam in der Seestraße eine Mosterei dazu. „Als Schulmädle hab’ ich dem Vater das Vesper gebracht und durfte dann manchmal mithelfen“, berichtet seine 1944 geborene Tochter Irmgard Werthwein. Sie lebt heute noch in Hemmingen. Die Botengänge zur Mosterei müssen Anfang der 50er-Jahre gewesen sein. Einmal sei sie plötzlich beim Mosten, also dem Verarbeiten von Äpfeln zu Apfelsaft, alleine gewesen. Prompt lief ein Fass über, als sie es mit dem frischen Saft befüllte. Heute lacht Irmgard Werthwein, wenn sie diese Anekdote erzählt – damals war es um jeden verschütteten Liter Apfelsaft schade. Denn zwei Liter Most wurden pro Tag in einem Haushalt gebraucht.

„Mein Vater war ein herzlicher Mensch“, sagt die 73-Jährige auf die Frage, welche Erinnerung sie an Jakob Guggenberger habe. Auf einem Foto, das sie aufbewahrt, steht der Vater mit noch nicht einmal 30 Jahren stolz neben einem mannshohen Fass. Das ist sein Meisterstück. Auf einem anderen Foto aus dem Familienalbum sieht man den Küfermeister, wie er ein Fass über den Hof rollt. Vor dem Haus reicht ein Stapel Bretter fast bis zur Dachrinne. Ihr Vater habe oft im Ort Eichenholz gekauft, um dies zu Fässern zu verarbeiten. Bevor daraus die Dauben, die Einzelteile des Fasses, gesägt, gebogen und gehobelt wurden, musste das Holz ablagern.

Dutzende Schablonen

Alles, was man für die Fassanfertigung an Werkzeugen und sonstigen Hilfsmitteln brauchte, ist in der Werkstatt im Museum zu sehen. Darunter sind auch unzählige Schablonen für die Dauben.

Die Sammlung sei zusammengestellt aus den Vermächtnissen der Küferbetriebe von Guggenberger und Bauer, erzählt Gutbrod. Guggenbauer übernahm die Bauer’sche Werkstatt, als deren Inhaber gestorben waren. Deshalb findet man auf vielen Werkzeugen noch den Schriftzug „W Bauer“, ergänzt um die Initialien „JG“ für Jakob Guggenberger. Hobel gibt es Dutzende – das meistgebrauchte Werkzeug des Küfers oder Böttchers, wie der Beruf anderswo in Deutschland heißt. Für jede Krümmung am entstehenden Fass, für jeden Winkel gab es spezielle Hobel. Denn jede Daube musste mit der benachbarten so passgenau zusammengefügt sein, dass nicht einmal ein winziger Spalt entstand – sonst wäre das Fass undicht gewesen. Kleine Fehler konnten zwar mit Dichtmasse ausgeglichen werden, aber nicht alle. Sollte das Holz nicht schrumpfen und damit das Fass wertlos werden, musste es stets gefüllt sein – mindestens mit Wasser.

Auch Waschzuber im Angebot

Der Küfer fertigte nicht nur Weinfässer an. In einem Bauerndorf, wie es Hemmingen früher war, waren Fässer für Most, Kraut oder Gülle sowie Waschzuber weit wichtiger. Auch diese lieferte der Küfer, oder er reparierte sie. Der Weinbau, obwohl in Hemmingen laut Gutbrod seit dem Mittelalter überliefert und im 17. Jahrhundert nachgewiesen, war irgendwann nicht mehr wichtig. Im Etterhof ist noch ein Fass ausgestellt. „Das ist das Gesellenstück meines Bruders“, erzählt Irmgard Werthwein. Er und ihr Mann hätten geholfen, als der Vater wegen Krankheit sich in der Mosterei und in der Getränkehandlung immer schwerer tat. Im Herbst 1978 starb Jakob Guggenberger. „Er hat bis zum Schluss geschafft“, berichtet seine Tochter. Viele Erinnerungen an den letzten Küfer von Hemmingen leben im Etterhof weiter.

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