105-Jährige aus Renningen Als sie groß wurde, kam erst das Telefon auf

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Eva Holzmüller blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Morgen feiert sie ihren 105. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! Foto: Bartek Langer

Renningen - Wie man 105 Jahre alt wird? Das weiß auch Eva Holzmüller nicht. „Ich bin nicht schuld dran, sondern der liebe Herrgott“, sagt sie und meint mit einem schelmischen Grinsen: „Aber den kann man ja auch nicht fragen!“ Die lebensfrohe Dame feiert am ersten Advent ihren Geburtstag, und sie ist die älteste Bürgerin Renningens. Aber im Ernst: der liebe Herrgott wird da schon seine Finger im Spiel gehabt haben, war doch das Leben der Jubilarin nicht einfach und wäre wohl auch ganz anders verlaufen, hätte sie nicht durch den Glauben zu ihrer großen Willenskraft gefunden.

Als jüngstes von acht Kindern wuchs die Donauschwäbin im Banat auf. Weil ihre Eltern einen Bauernhof hatten, packte sie schon früh mit an. „In der Erntezeit mussten wir immer aufs Feld“, sagt sie über ihre Kindheit im damaligen Örtchen Heideschütz, das heute in Serbien liegt. An ihre Schulzeit erinnert sie sich gern. Damals seien sechs Jahrgänge in einem Zimmer unterrichtet worden, von einem Laien-Lehrer. „Der versorgte uns mit Aufgaben und ging wieder!“, erzählt sie lachend. Die Renningerin heiratete früh und zog mit ihrem Gatten auf das Bauerngut seiner Familie – zwei Söhne und eine Tochter gingen aus der fast 60-jährigen Ehe hervor.

Erinnerungen an die Kindheit

Die Arbeit auf dem Feld war hart. „Wir mussten alles mit den Händen machen“, sagt sie und erinnert sich schmunzelnd an ein besonders „romantisches“ Hochzeitsgeschenk, das ihnen aber fortan die Ernte um einiges einfacher machte – vom Schwiegerpapa gab es einen Mähbinder! Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Vertreibung kam sie mit ihren zwei Söhnen – der Gatte war an der Front – in ein Internierungslager der Partisanen und musste als Zwangsarbeiterin auf dem Land schuften. Erst nach drei Jahren gelang die Flucht. Dann ging es über Rumänien und Ungarn bis nach St. Gilgen in Österreich, wo sie ihren aus der Kriegsgefangenschaft entlassenen Mann wieder in die Arme schließen konnte.

Mehr als einen Monat dauerte die Odyssee. „Wir waren nachts unterwegs, und tagsüber versteckten wir uns“, berichtet sie. Den Kontakt hatte ein Bischof her­gestellt, den sie aus ihrem Heimatdorf kannte. Nach acht Jahren in Österreich verschlug es die Familie 1955 nach Renningen – hier lebte die Verwandtschaft. Der Gatte fand schnell eine Anstellung als ­Betriebsmaurer, und schon bald stand ein eigenes Häusle am Rankbach. Überhaupt fand das Paar rasch Anschluss in der neuen Heimat, waren doch die beiden gesellige Leute und „ließen kein Feschtle aus“. Mit dem Schwäbischen klappte es ohnehin. „Wir hatten zu Hause fast den gleichen Dialekt gesprochen, denn unsere Vorfahren waren aus Wiernsheim ausgewandert“, ­erklärt Eva Holzmüller, die ihre Familie ­zusammenhielt und sich bis ins hohe Alter im Ort engagierte.

Zufriedenheit ist das Zauberwort

Schaut sie zurück, ist sie zufrieden, wie alles gelaufen ist. „Man muss immer zufrieden sein, sonst ist das Leben auch nicht schön“, sagt die Renningerin, die früher ­liebend gern strickte und bis heute jeden Tag mit einem Blick in ihre Andachts­bücher beginnt. Sie ist sich sicher: „Egal, wie schlecht man dran ist, alles geht irgendwann vorbei!“ Ihren Optimismus gepaart mit viel Gelassenheit hat die Jubilarin bis heute nicht verloren. Und genau diese Eigenschaften sind auch nötig in der Großfamilie – sie hat 17 Urenkel und sogar eine Ururenkelin! Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass sie ihren Geburtstag „nur“ im engsten Kreise feiert – das sind ja schon knapp 50 Gäste.

Wenn sie Revue passieren lässt, wie sich die Dinge im letzten Jahrhundert entwickelt haben, muss sie schon mal ungläubig den Kopf schütteln. Heute steht in jeder Garage ein schicker Flitzer, Menschen ­laufen auf dem Mond herum, und internet­fähige Smartphones sind nicht mehr wegzudenken. „Als ich groß wurde, da kam erst das Telefon auf!“, sagt sie. So konnte sie es dann auch kaum glauben, als zu ihrem 104. Geburtstag Enkeltochter Leonie auf dem Computerbildschirm aufgetaucht war – per Skype zugeschaltet aus dem fernen Australien. „Da war ich richtig baff!“, sagt sie und lacht.

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